|
Studentenwettbewerb UIA Berlin 2002 Erklärung zu #002032BE [Anne Brecker, Tim Ahrens] 100 000 leerstehende Wohnungen, 50 000 leere Büros und die Aufgabe, 35 ha innerstädtische Peripherie zu eliminieren. Wie lässt sich das Areal aufwerten? Noch mehr Stadt zu produzieren ist zur Zeit in Berlin nicht sinnvoll. Es ist nicht nur die Bebauung, die einem Gebiet Wert verleiht. Leere kann sogar wertvoller sein: Where there is nothing everything is possible, where there is architecture nothing (else) is possible. [1] Das Formulieren von highly charged nothingness [2], das Entwerfen von Leere wird zum wesentlichen Bestandteil unseres Entwurfs. Grenzen und Chancen Bisher schneiden S-Bahn und Kanal das Gebiet von seiner Umgebung ab und es ist nicht angebracht, diese Grenzen zu eliminieren. Denn es wird nicht möglich sein, das Gebiet in eine Umgebung einzubinden, die ihm den Rücken zuweist. Trotzdem birgt das Umfeld Potenzial. S-Bahn und Bundesstraße gewährleisten eine hervorragende verkehrstechnische Anbindung des Gebiets; die Nähe des Lehrter Bahnhofs bedeutet für viele Nutzungen eine optimale Lage. Nordhafen und Kanal bieten offensichtliche Qualitäten: Da sind die Wohnungssuchenden, die nicht nur auf Schutz vor Kälte und Regen achten, sondern auch auf die Aussicht, und bereit sind, für den bloßen Anblick von Wasser beträchtliche Summen zu opfern. [3] Die Zone an der viel befahrenen B96 ist für Gewerbe vorgesehen. Büros oder Produktionsstätten sind ebenso denkbar wie ein Bau- oder Supermarkt. Direkt am Nordhafen befinden sich Büros. Das Ideal Ja, das möchste: Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse, vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße; mit schöner Aussicht, ländlich-mondän, vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn aber abends zum Kino hast dus nicht weit. [4] Die durch den Kanal und den neu geschaffenen Wasserarm begrenzte Landzunge ist überwiegend für Wohnnutzung vorgesehen. Als ‚Dorf in der Stadt‘ sind zwei- bis viergeschossige Häusergruppen gedacht, die geschlossene Kanten bilden. Große Balkone, Ausblick und Gärten schaffen Lebensqualität. Ein anderer Teil der Wohnungen wird als Lofts ausgeführt. Beide Gebäudetypen gehen ohne feste Grenzen ineinander über. Im Süden greifen wir die bestehende Planung von Max Dudler auf und setzen sie fort. Hier soll ein Bereich mit gemischter Nutzung entstehen. Ein Nichts mit hohem Potenzial Für den Rest des Areals fällt es schwer, sofort eine Nutzung festzulegen. Eine extensive Nutzung soll die Fläche zunächst belegen und sich später am besten in Luft auflösen. Ein Park käme beispielsweise nicht in Frage, da eine Nutzungsänderung kaum möglich wäre. Wir sehen eine Bauschuttdeponie vor, die zunächst nur aus 22 m hohen Wänden besteht. Um innen und außen zu definieren, sind diese leicht nach innen geneigt. Sie entwickeln im Lauf der Jahre durch Regen und Moosbewuchs eine Patina. Während der nächsten dreißig bis vierzig Jahren so unsere Schätzung wird sich dieses Gefäß füllen, während die Umgebung vor Dreck und Lärm geschützt ist. Im Inneren befinden sich Rampen für die Kipplader, die später als Auffahrten genutzt werden können. Ist diese Phase abgeschlossen, steht die Fläche als Ganzes wieder für neue Planungen zur Verfügung, sie hat durch ihre erhöhte Lage sogar an Qualität hinzugewonnen. The emptiness of the metropolis is not empty; each void can be used for those programs whose insertion is a procrustean effort leading to the mutilation of both activity and texture. [5] Damit wollen wir versuchen, langfristig zu denken, ohne der Zukunft Planungsinhalte vorzuschreiben. Wie ein Schachspieler mag man versuchen, den weiteren Verlauf abzuschätzen und mit seinen Zügen für diesen eine günstige Ausgangslage zu bekommen. [6] Die weitere Entwicklung Berlins wird über die Bebauung der Plattform entscheiden. Jetzt schon genaue Pläne für die Nutzung aufzustellen, ist also nicht möglich. Visionen Durch die günstige Lage könnte sich ein dicht bebautes Hochhausviertel entwickeln oder falls der Bedarf an Flächen in Zukunft nicht gestiegen ist ein öffentlicher Park oder Luxushäuser in Hanglage. Denkbar wäre auch eine Nutzung, die eine große Fläche in zentraler Lage benötigt. Ein Weltraumbahnhof hat optimale Anbindung an die Geotransporter. Ein Stadion und Konzerthallen könnten die alte Deponie in einen Unterhaltungs- und Veranstaltungspark verwandeln. Man könnte sich das Gästehaus der Bundesregierung vielleicht eine Rekonstruktion eines historischen Gebäudes? auf der geschützten Plattform oder eine Klosteranlage für den nach Erfüllung und Geborgenheit suchenden Großstadtmenschen vorstellen oder einen Golfplatz. 1 Rem Koolhaas, To imagine nothingness, in: Larchitecture daujourdhui, Nr. 238, April 1985, S. LXVII 2 ebenda 3 Fritz W. Kramer, Hanglage mit Seeblick, in: Karl Markus Michel et al. (Hrsg.), Kursbuch neue Landschaften, März 1998, Berlin: Rowohlt, S. 8 4 aus Kurt Tucholsky, Das Ideal, 1927 5 Rem Koolhaas, op. cit. 6 Philipp Oswalt, Berlin Stadt ohne Form: Strategien einer anderen Architektur, München: Prestel, 2000, p. 119 [WWW.ARCHITEKTURGESTALTEN.INFO] |